Geschichte

Wie Ole Kassow eine verrückte Idee kam…

 

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Der alte Mann

Ole Kassow, ein 45jähriger Marketingspezialist aus Kopenhagen, bemerkte beim Radeln zur Arbeit eines Morgens einen alten Mann. Der saß gemütlich auf einer Bank in der Sonne. Sein Rollator parkte gleich daneben. Zwei Wochen lang sah Ole den alten Herrn dort sitzen, stets tadellos gekleidet, manchmal in die Zeitung vertieft. Der Mann, Thorkild, war damals 96 und lebte im Altersheim. Er sollte Oles Leben verändern und damit auch sein eigenes und das vieler älterer Menschen.

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Fahrrad als Transportmittel

Denn der Alte fiel Ole wieder ein, als er sich Stadtansichten von Kopenhagen aus den 30igern ansah. Fröhlich chaotischer Fahrradverkehr war dort zu sehen. Thorkild musste sich früher jeden Tag mit dem Fahrrad in der Stadt fortbewegt haben! In Städten wie Los Angeles, Rom, Tokyo und Sydney war das Fahrrad – über Generationen hinweg – DAS bevorzugte Transportmittel. Ein Großteil der älteren Generation ist mit dem Fahrrad aufgewachsen. 25 km oder mehr Arbeitsweg waren damals ziemlich normal! Auch nach dem Krieg war das Fahrrad als günstiges, einfaches und effizientes Fortbewegungsmittel gefragt, bevor es durch Autos vielfach verdrängt wurde. Das Fahrrad ist aber nicht nur ein einfaches, sondern auch ein glücklich machendes Transportmittel. Ob Thorkild das Radeln genauso genossen hat, wie Ole dies heute tut?

Älter werden

Mit dem Älterwerden kann das Fahrradfahren schwierig werden, Beine oder Augen lassen nach,
und mit ungefähr 70 hören die meisten ganz auf. Ole hatte viele Geschichten von älteren Menschen gehört, die sich schweren Herzens vom Fahrradfahren verabschieden mussten, weil sie Angst hatten, sich zu verletzen. Es waren Geschichten über die Sehnsucht nach Freude und Freiheit und persönlicher Mobilität. Auch der alte Thorkild sehnte sich sicher nach Bewegung in frischer Luft! Wie könnte man ihn zurück aufs Fahrrad bringen? Ole dachte ewig darüber nach.

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Eine verrückte Idee

Im August 2013 hatte Ole schließlich eine Idee. Er mietete eine Fahrradrikscha und fuhr wild entschlossen zum Altersheim. An der Tür befielen ihn Zweifel. Das ganze war zu verrückt, zu gefährlich! Lächerlich! Wahrscheinlich würde er gleich aus dem Altersheim rausgeschmissen! Aber nun war er schon mal da. Er betrat das Foyer. Eine freundliche Pflegerin kam auf ihn zu. Er erklärte, er sei ein Nachbar und wolle mit seiner Rikscha zwei Bewohnern eine Stadtrundfahrt anbieten. Die Pflegerein zögerte nicht: „Das klingt nach einer guten Idee. Lassen Sie mich das mal kurz abklären.“ Sie verschwand und tauchte zwei Minuten später mit einer älteren Dame an der Hand wieder auf. „Gertrud und ich würden liebend gerne eine Ausfahrt mit der Rikscha in die Stadt machen.“

Die Beiden kletterten auf die Vordersitze und Ole fragte Gertrud, wo sie hinwolle. Die antwortete prompt: „Nach Langelinie!“ Langelinie, das ist die alte Hafen-Promenade. Hier tummelten sich früher alle Kopenhagener mit ihren Fahrrädern, besonders Sonntags, man aß Eis oder schlenderte über die Uferpromenade. Im Hafen kam Gertrud ins Schwärmen. Sie sog begeistert die teergeschwängerte Luft ein, lauschte den Schreien der Möwen und meinte, die Dynamik der Menschenmasse von damals wieder spüren zu können. Sie erzählte Ole, wie sie nach dem Krieg für viele Jahre in Grönland gelebt und ihre Kinder immer zu diesem Hafen gebracht hatte, weil hier die Schiffe nach Grönland andockten.
Nach einer bewegten Stunde mit den zwei Damen fühlte sich Ole der eben noch unbekannten Gertrud erstaunlich verbunden. Es war für ihn, als sei er mit ihr auf einer Zeitreise gewesen.

Die Folge

Am nächsten Tag bekam Ole einen Anruf der Geschäftsführerin des Altersheims. Sie wollte wissen, was Ole mit Gertrud gemacht habe. Plötzlich wollten alle Heimbewohner auch so einen Ausflug machen! Die Erfahrung musste Gertrud emotional zutiefst berührt haben. Ole fing an, in seiner Freizeit regelmäßig Mietrikscha-Ausflüge mit alten Herrschaften zu machen. Dies gab IHNEN eine völlig neue Mobilität und OLE eine wunderbare neue Perspektive auf die Stadt. Er kam sich vor wie ein Entdeckungsreisender.

Auch Thorkild, den 96igjährigen Ideenauslöser, nahm Ole eines Tages mit auf einen Ausflug. Beim Durchqueren eines Parks rief Thorkild plötzlich «Hier habe ich mal gewohnt!» und zeigte auf die alten Militärhäuser des Rosenborg Schlosses. So erfuhr Ole, dass Thorkild 1938 – vor 76 Jahren – für 18 Monate als königlicher Wachmann gedient hatte. Thorkild erzählte auch, dass er 25 Jahre lang ein Dessous-Geschäft im Herzen von Kopenhagen geführt hatte. Er erklärte Ole fachkundig, wie man die Körbchengröße einer Frau einschätzen kann. Es gab viel zu lernen für Ole!

Die Stadt Kopenhagen

Ole fand, mehr Menschen sollten solche Abenteuer erleben können. Deshalb schrieb er der Stadt Kopenhagen einen Brief. Ob sie bereit wäre, dem Altersheim eine solche Rikscha zu sponsern? (Die dänischen Altersheime sind alle in öffentlicher Hand). Zu seiner Überraschung rief ihn bald darauf eine städtische Mitarbeiterin namens Dorthe zurück. Sie war begeistert. Sie suche genau solch eine Art von aktiver Mitbürgerschaft. Ob er auch fünf statt nur einer Rikscha gebrauchen könne?

Ole ließ sich das nicht zweimal sagen. Mit Dorthe organisierte er eine regelrechte Parade: mit fünf Rikschas, fünf freiwilligen Fahrern, 10 Passagieren, zahllosen Freunden, Nachbarn, Stadtbewohnern, und etlichen Fahrradfahrern zog man durch die Stadt. Zwei Fernsehsender und verschiedene nationale Zeitungen berichteten. Danach meldeten sich 30 Freiwillige bei Ole. Alle wollten gerne alte Herrschaften ausfahren. “Radeln ohne Alter” war geboren.

Unglaubliche Wirkung

Die Rückmeldungen aus den Altersheimen war großartig: Einige Bewohner haben wieder begonnen zu sprechen, manche, die an Demenz leiden, verloren ihre Aggressionen und kehrten nach dem Fahrradausflug gut gelaunt ins Altersheim zurück. Blinde erklärten den Freiwilligen, dass es beim Fahrradfahren um die Nutzung aller Sinne ginge: die Blumen riechen, das Gezwitscher der Vögel hören und den Wind in den Haaren spüren. Recht haben sie! Deshalb kämpfen wir für das Recht auf Wind in den Haaren, auch im hohen Alter.

„Cycling uden alder“ ist inzwischen fester Bestandteil von über 111 Gemeinden in Dänemark und hat sich auch in Norwegen bereits etabliert. Die Bewegung hat auch in Schweden und Finnland begonnen und verbreitet sich auch über die skandinavische Grenze hinaus in Städte in den USA, Neuseeland, Kanada, Spanien, Österreich, Frankreich, Holland, und England. Mehr als 500 Freiwillige sorgen heute bereits dafür, dass ältere Leute aus den Altersheimen herauskommen und auf einer Rikscha frische Luft und Nachbarschaft genießen und aktiver Teil der Gesellschaft sein können.

Verlust von Augenzeugen

Wenn wir älter werden verlieren wir die Zeugen unserer Geschichten und unseres Lebens. Es gibt niemanden mehr, der die Gegenwart erlebt, wie man selbst. Niemanden, mit dem man lachen oder weinen kann. Die eigenen Geschichten drohen mit dem eigenen Leben ganz zu verschwinden. Es ist überraschend einfach, diesem Schrecken mit einem Fahrradausflug zu begegnen. Das kann einen tiefgreifenden positiven Effekt haben. Aber nicht nur für die älteren Leute, die aus ihrer sozialen Isolation ausbrechen. Auch für die Freiwilligen, die sich darüber freuen, anderen – und sich selbst – etwas Gutes zu tun.

Bei „Radeln ohne Alter“ geht es um aktive Mitbürgerschaft, Beteiligung und einzelne Momente, die zählen. Es geht darum, ungewöhnliche Beziehungen zu ermöglichen. Das zieht nicht nur “klassische” Freiwillige an. Zum Beispiel Roberto, ein Herr italienischer Abstammung um die 60. Sein Arzt hatte gemahnt, er müsse ein paar Kilo abnehmen und sich mehr bewegen. Er verschrieb eine besondere Medizin: Radeln ohne Alter, als Fahrer natürlich…

Freundschaften

Ein junger Volontär hat neue Grosseltern gewonnen, als er ein älteres Ehepaar zu ihrem 70. Hochzeitstag ausgefahren hat. Ihre Stadtrundfahrten werden bereits lange nicht mehr im Voraus geplant. Denn er geht nicht, weil er gehen muss. Er geht, weil er gehen möchte. Und weil es ihm Freude bereitet.

Ole staunt immer wieder von Neuem über die positiven Geschichten und Erfahrungen, welche die Freiwillige der über 111 Altersheime, die bereits heute Teil der Bewegung sind, mit ihm teilen. Und der Anblick von Leuten in Rollstühlen, die glauben, dass sie niemals mehr Fahrradfahren werden und nach einer Ausfahrt mit der Rikscha lachend und singend ins Altersheim zurückkehren, mit vielen Geschichten und neuem Apetit auf das Leben, macht ihn glücklich. Diese Art von positivem Effekt nähren Ole’s Enthusiasmus und holen ihn jeden Morgen aus dem Bett.

 

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Thorkild’s Geburtstag

Mit einem guten Glas Wein stießen Ole und Thorkild an dessen 97. Geburtstag auf ihre neue Freundschaft an. Zur Feier des Tages kam der Kellner mit zwei Spezialweingläsern. An diesem Abend haben Ole und Thorkild mit mehr als 50 Fremden in Kopenhagen gesprochen. Das Leben kann schön sein, auch für und mit Leuten, die auf die 100 zugehen.